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Mein erster Café

In Italien nennt sich der Espresso „Cafè“. Er wird kurz und präzise intoniert, mit einem kurzen ä am Ende, ganz anders als das Deutsche und Französische Café mit dem langen eee.

Von meiner ersten Episode mit der „Culture del Cafè“ – der italienischen Kaffeekultur – kann ich aus dem Jahr 1993 berichten. In diesem Jahr hatte ich in Italien studiert, und die erste Wohnung über eine Immobilienagentur in Bergamo angemietet.

Um den Mietvertrag abzuholen war ich wie vereinbart um 9.00 Uhr an der Agenzia vor Ort. Antonella, meine Agentin, verspätete sich um die in Italien üblichen genau 15 Minuten. Als sie mich sah wurde sie ein wenig hektisch, schloss den Laden auf „Mi scusi, sono in ritardo – un pò“, „il traffico mi stanca, mi fa incazzare, davvero“ und dann zu fragen „Prendiamo un Cafè?“.

Nun muss man sagen, dass Pünktlichkeit in Italien nicht eine Tugend sondern eine Unhöflichkeit darstellt. Sie setzt den Gegenüber unter Druck, sich zu rechtfertigen. Der angebotenenCafè ist an dieser Stelle ein wichtiges Element, man könnte „Prendiamo un Cafè“ auf Deutsch übersetzen mit den Worten „Du bist doch auch noch nicht ganz wach?“ Oder in der konkreten Situation könnte man auch folgendes heraushören: „Ich bin noch nicht bereit, über Mietverträge zu sprechen.“

Dabei lernte ich als erstes, dass das è in Cafè in der Frage „Prendiamo un Cafè?“ ein wenig geleiert und gezogen wird, klingt dann so ähnlich wie Cafäeä – und somit die Alternativlosigkeit untermalt, das Angebots anzunehmen.

Und ja, natürlich wollte auch ich einen Kaffee! Aber überraschenderweise blieben wir dann nicht in der – laut „orario“ eigentlich schon seit 9.00 geöffnete – Agenzia, sondern sie schreitet wieder hinaus und verschloss die Tür wieder. Ja, wir gingen also in die Bar nebenan. Positiv überrascht dachte ich mir: Wie schön, direkt neben einer Kaffeebar mit einer so beeindruckenden Kaffeemaschine zu arbeiten! Ich konnte ja nicht ahnen, dass ich ein paar Tage später ein Appartemento in Bergamo Alta bewohnen würde, einer wunderschönen italienischen Altstadt, mit mindestens 3 Bars, die ich innerhalb von zwei Minuten erreichen konnte.

Wissenschaftlich nicht geprüftes Fun Fact: Jedes italienische Ladengeschäft oder Büro in einer der 100 italienischen Großstädte befindet sich maximal zwei Fuß-Minuten von einer Bar entfernt. Wenn die Bar nicht in allerhöchstens zwei Minuten erreichbar ist, dann befindet man sich nicht mehr in der Innenstadt, sondern in der Peripherie.

Zurück zu Antonalla: Mit ihr genoss ich also meinen ersten italienischen Cafè in einer typische italiensichen Café – Bar im Rahmen eines typischen italienischen Morgen-Rituals. Ich begann gleich am ersten Tag über italienischen Cafè und seine Kultur zu lernen.

Als erstes: Cafè in Italien ist eine Sache für Profis mit professionellen Maschinen. Cafè gibt es nicht in einem Kaffeeee, auch setzt man sich nicht zum Kaffeeeee, das passt schon gar nicht zum Wort: kurz und präzise. Einen Cafè nimmt man, in 2 Minuten, maximal vielleicht 5 Minuten im Stehen an der Bar – die man in 2 Minuten erreicht. Der Cafè muss vom Profi perfekt auf den Punkt gemacht sein – von einem guten Profi für jeden passend, für jeden individuell.

Als zweites: Die Zubereitung des Cafè folgt einem Ablauf, einer Routine, die der Profi für seinen Gast jeden Tag aufs Neue zelebriert. Der Ablauf ist in etwa wie folgt: „

Buon Giorno, Scontrino?, Macchiato?, Grazie“ darauf Einsatz der Geräusche des Bohnenbehälters bei Entnahme der Bohnen mit einem „klack, klack“, dann Einsatz der Mühle mit einem „ssssss“ auf hoher Frequenz,
das Stampfen des Pulvers im Siebträger „tock-tock-tock“ oder 3*Basstrommel, das Einsetzen des Siebträgers ohne Geräusch, aber mit einer rythmisch-dynamischen Bewegung des Barista aus dem Oberarm und schließlich ganzen Körper heraus, die Entnahme der Espressotasse von der Maschine sowie das Stellen auf den Unterteller mit einem leichten „kling“. Danach kommt der Einsatz der großen, beeindruckenden Maschine mit einem zwanzigsekündigen „Brummmm“ auf Bassfrequenz, währenddessen die Frage „Zucchero?“ und final die Tasse, die synchron mit dem Löffel auf den Barthresen gestellt wird und mit einem „klock“ des Untertellers auf dem Mamorthresen und einem „kling“ des Löffels auf der Untertasse. Und dann 3 bewusste, Schluck, unter Einsatz von Zunge (Geschmack vorn) und Rachen (Geschmack beim Abgang) – und der Cafè ist eingemommen und man kann wieder gehen. Herrlich!

So war er bei meinem ersten italienische Cafè 1993 mit Antonella, und so ist es auch noch heute. Der Mietvertrag wurde nach den fünf Minuten im Kaffee schnell und fokussiert abgeschlossen. Die Bar, der Cafè, der Bairsta, der Ablauf, diese DANN der italienischen Cafè-Kultur haben sich bei mir in der Folge eingebrannt. In Italien, wo immer es geht, gehe ich in eine Bar und nehme mir zwei Minuten zu einem gesetzlich garantierten Preis (mittlerweile 1,10 Euro).

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